Die Zukunft von Magento Open Source zwischen Adobe, Magento Assocation und Mage Open Source Community Alliance

Der 14. September 2021: an diesem Tag rumpelte es im Magento-Ökosystem gewaltig. Warum? Eine Gruppe von 18 Menschen verfasste unter dem Namen „Mage Open Source Community Alliance“ einen offenen Brief an die Magento Community. Darin geht es um nichts Geringeres als einen angekündigten Fork von Magento Open Source. Der Brief wurde seitdem von mehr als 1.400 Menschen unterschrieben.

Ich fasse zusammen: Was ist die Vorgeschichte? Worum geht es in dem offenen Brief? Was waren die Reaktionen darauf? Was ist mein Standpunkt dazu? Was ist der aktuelle Status? Wie geht es weiter?

Die Vorgeschichte

Seitdem Adobe Magento übernommen hat, entwickelt sich bei dort eine Bewegung „upmarket“. Sprich: Adobe/Magento fokussiert sich zunehmend auf größere Kunden, konkret den Enterprise-Markt nach amerikanischem Verständnis.

Neue Features werden vor allem für Adobe Commerce veröffentlicht. Teils als Feature direkt im Magento-Code, teils als ausgelagerte Funktion in der Adobe-Infrastruktur wie „Live-Search“ oder „Product Recommendations“.

Wohin die Reise für Magento Open Source geht, wird hingegen von Adobe nicht kommuniziert. Zum Beispiel gibt es keine offizielle Roadmap. Stattdessen kann man sich aus Änderungen im Release-Prozess, der Zusammenarbeit mit der Community und neuen Features seine eigene Meinung bilden, wie es weitergeht. Seit Oktober 2021 gibt es eine Roadmap.

Zuletzt überraschte Adobe positiv damit, dass in Magento 2.4.3 der CMS-Editor Page Builder aus Adobe Commerce auch in Magento Open Source verfügbar gemacht wurde.

Ein klares Bild ergibt sich aber nicht. Denn kurz zuvor wurden Änderungen im Umgang mit Beiträgen aus der Community bekannt gegeben, die dazu führen, dass kleine Verbesserungen und Fehlerbehebungen aus dem Ökosystem teilweise nicht mehr im Magento-Core landen. Zudem zeichnet sich ab, dass Adobe weitere Bestandteile von E-Commerce-Funktionalitäten vom Magento-Core in Software-as-a-Service-Features (SaaS) in Adobes Cloud-Infrastruktur auslagern möchte, wo man weniger Kontrolle und Anpassungsmöglichkeiten hat.

Der offene Brief

Vor diesem Hintergrund entstand der offene Brief, der am 14. September 2021 veröffentlicht wurde und mich – obwohl ich die eine oder andere Meinung und Bewegung im Umfeld wahrgenommen habe – überrascht hat:

Screenshot des Beginns des offenen Briefs der "Mage Open Source Community Aliiance" an die Magento Community
Der Beginn des offenen Briefs der „Mage Open Source Community Alliance“ an die Community.

Zu den 18 initialen UnterzeichnerInnen zählen viele bekannte Namen aus der Magento-Community. Sie kommen primär aus dem Bereich der Web-Agenturen, die als DienstleisterInnen für HändlerInnen Webshops implementieren und betreuen.

Der Brief thematisiert, dass in den letzten Jahren im E-Commerce Funktionalitäten und die Infrastruktur zunehmend weg verlagert werden von Servern, über welche die HändlerInnen und ihre BetreuerInnen die Kontrolle haben, hin zu Lösungen, die in einer „Cloud“ als Miet-Lösung betrieben werden und wo es nur begrenzte Kontrolle bzw. Eingriffsmöglichkeiten gibt (Stichworte „SaaS“, „PaaS“, …).

Adobes Strategie scheine zu sein, Adobe Commerce weg entwickeln von einer einzigen Code-Basis, die man bei sich selbst betreibt und in die man eingreifen kann, hin zu vielen einzelnen von Adobe betriebenen Services („Microservices„), die vor allem auf große Kunden abziele. Irgendwann bliebe vom alten Code-Kern, in den man eingreifen kann, nichts mehr übrig, und die komplette Magento-Plattform wie man sie heute kenne, würde ersetzt werden.

Da es keine öffentliche Roadmap für Magento Open Source gäbe, wäre unsicher, wohin sich ebendieser Open Source Teil entwickelt und wie lange er in welcher Form unterstützt wird. Die eine Code-Basis, über die man Kontrolle hat („PHP-Monolith„) und die man weiter entwickeln kann, sei aber für viele HändlerInnen ein valides und sinnvolles Modell, das weiterhin zu schützen sei.

Und deswegen, so der Entschluss, erwägt die „Mage Open Source Community Alliance“ einen von der Community gesteuerten „Fork“ ins Leben zu rufen. Einen Fork kann man sich vorstellen als eine Kopie oder eine Abspaltung des originalen Magento Open Source, der in diesem Fall kompatibel zu dem Magento Open Source gehalten werden soll, das Adobe anbietet.

Der Fork soll von der Community in Abstimmung mit Adobe bzw. der Magento Association weiter entwickelt, betreut und zum Download zur Verfügung gestellt werden. Falls sich Adobe einmal dazu entscheidet, den Support für Magento Open Source komplett einzustellen, wäre demnach die weitere Verwendung von Magento Open Source gesichert.

Die Reaktionen

Innerhalb von wenigen Tagen wurde dieser offene Brief von mehr als 1.400 Menschen unterzeichnet. Wiederum befindet sich hier ein großer Teil der bekannten Namen aus der Magento-Community, vor allem von Seite der Agenturen und EntwicklerInnen, die viel mit Magento Open Source arbeiten. (Anmerkung: erwartungsgemäß sind große Agenturen, die primär Adobe Commerce vertreiben, und Drittanbieter, die an beide Editionen andocken können, weniger stark von der Zukunft von Magento Open Source betroffen.)

Innerhalb der Community-Kreise kam es dadurch zu einem großen „Rappeln in der Kiste“, der so langsam auch nach außen drang und dazu führte, dass sich einige Magento– und Adobe-MitarbeiterInnen dazu äußerten.

Hier ein Auszug an Stellungnahmen, Gedanken und Postings, damit Sie sich selbst einen Eindruck verschaffen können.

Wortmeldungen vonseiten Adobe/Magento:

  • Die Reaktion des Magento Association Board zu diesem offenen Brief. Als quasi offizielles Bindeglied zwischen Adobe und der Magento Community spielt die Association in der Thematik eine wichtige Rolle.
  • Adobes Reaktion „Building the Future of Magento Open Source Together„.
  • Matthew Zimmerman, Senior Director – Adobe Commerce Product Engineering: „Adobe has no plans to deprecate or end-of-life Magento Open Source.“
  • Eric Erway, Product Management – Adobe Commerce: „We’re listening and want to do more. Lots of discussions on the future of Magento Open Source, but @Adobe remains confident in it and is committed through @MagentoAssoc together.“
  • Nochmals Eric Erway: „Definitely have opinions but this is where the OS task force can help with @MagentoAssoc . We have no plans to deprecate or EOL.“
  • Slava Kravchuk, Board of Directors – Magento Association: „Summary of my take on Magento Open Source future“
  • Igor Minailo, Chief Architect Commerce – Magento, an Adobe Company: „Engineering challenges behind upstream compatibility

Reaktionen aus der Community:

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Mein Standpunkt

Es ist wichtig für HändlerInnen und DienstleisterInnen zu wissen, was mittel- bis langfristig die Zukunft von Magento Open Source ist. Was ist die Roadmap? Wird Adobe Magento Open Source in 5 Jahren oder 7 Jahren noch offiziell weiter entwickeln? Wird es ansonsten für die Community weiterhin die Möglichkeit geben beizutragen? Falls Adobe den Support einstellt: Darf die Magento Association den Open Source Teil übernehmen? Falls der Support für Open Source eingestellt wird: Gibt es einen klaren und finanzierbaren Migrationspfad für KundInnen zu einer anderen Lösung?

Das sind Fragen, die wir klären müssen, damit HändlerInnen und DienstleisterInnen planen können. Magento Open Source in seiner jetzigen Form könnte etliche Jahre weiter betrieben werden, selbst wenn der Support morgen eingestellt werden würde. Doch damit wir, HändlerInnen und DienstleisterInnen, sinnvoll entscheiden können, braucht es eine Gewissheit für bestimmte Zeithorizonte.

Webshops haben nach meine Erfahrung grob eine Lebenszeit von 5 bis 10 Jahren. Wird ein Magento Open Source Shop noch 3 Jahre betrieben, dann braucht man sich nach meiner persönlichen Einschätzung über die aktuelle Situation keine Gedanken zu machen. Wahrscheinlich auch nicht für die nächsten 5 Jahre. Man sieht es schon an Magento 1, das mit Magento 2 seit 2015 einen Nachfolger hat. Es wurde bis 2020 offiziell unterstützt. 6 Jahre später kann es immer noch mithilfe von Drittanbieter-Support betrieben werden, falls es nötig ist. Was ist mit einem Shop, der die nächsten 7 oder 10 Jahre bestehen soll? Hier besteht aus meiner Sicht keine Eile, aber als DienstleisterIn oder HändlerIn sollte man die Entwicklung im Auge behalten. Lösungen werden sich finden, aber mitdenken muss man.

Deswegen finde ich den Brief der Mage Open Source Community Alliance wichtig. Nicht, weil ich denke, dass ein Fork die beste Idee wäre. Ich käme lieber ohne Fork aus. Sondern, weil eine Diskussion angestoßen wird. Weil sich zeigt, dass die Zukunft von Magento Open Source wichtig ist. Und weil ich hoffe, dass sich dadurch die Zusammenarbeit von Adobe und der Magento-Community bessert und wir mehr Gewissheit bekommen.

Der aktuelle Status (und wie es weitergeht)

Hinweis

Ich werde diesen Abschnitt regelmäßig aktualisieren, wenn es Neuigkeiten gibt.

Konferenz „Meet Magento Poland 2021“

Am 20.09.2021 gab es mit der Konferenz „Meet Magento Poland 2021“ das erste In-Person-Event im Magento-Bereich seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie. Dort gab es eine Diskussionsrunde mit Vertretern der „Mage Open Source Community Alliance“, der Magento Association und anderen. Adobe-Mitarbeiter beteiligten sich im Live-Feed.

Die Diskussion können Sie hier sehen:

Status-Update: aus dem Fork wird die „Distribution Mage-OS“

Am 28. September postete die Alliance ein Update. Statt von einem Fork ist nun die Rede von einer „Distribution“ mit dem Namen „Mage-OS„. Mage-OS soll also eine Zusammenstellung von Magento Open Source Code-Packages sein, die mit dem „Standard-Magento“ (meine Bezeichnung) kompatibel sind. Manche dieser Pakete werden Änderungen gegenüber dem Standard enthalten, andere werden komplett neu sein.

Zu den Zielen von Mage-OS zählt eine leichtere Zugänglichkeit für Entwickler, eine Verschlankung durch eine Auswahl von wichtigen Paketen für typische Magento-OS-Kunden und die schnellere Bearbeitung von PRs (Code-Änderungs-Vorschlägen). Zudem soll es einfach möglich sein, von Mage-OS „zurück“ zu Magento Open Source oder Adobe Commerce zu wechseln.

Unter folgenden Motto versteht die Alliance den Mehrwert von Mage-OS:

Wenn der Kuchen größer wird, gewinnt das gesamte Ökosystem. – If the cake gets bigger, the whole ecosystem wins.

https://www.mage-os.community/blog/introducing-mage-os (28. September 2021)

Zuletzt gibt es eine Auflistung von Vorteilen für HändlerInnen, Agenturen, Technologie-Partner (z.B. Extension-Hersteller), EntwicklerInnen und für Adobe.

Status-Update: Open Source Roadmap und Informationen von der Magento Association

Am 18. Oktober veröffentlichte Adobe eine erste Version der Magento Open Source Roadmap. Das ist ein guter Anfang! Hoffentlich wird die Roadmap weiter ausgebaut.

Fazit und Ausblick

In den nächsten Tagen und Wochen sollte es zu weiteren Gesprächen zwischen Adobe, der Magento Association und der Community kommen. Laut dem Status-Update am 28.9. ist der Wunsch, dass die Magento Association die Mage-OS Distribution verwaltet.

Bis dahin werden die Infrastruktur und die Prozesse aufgesetzt die nötig sind, um Mage-OS zu einem nachhaltigen Projekt zu machen. Wenn das Team mit dem Fortschritt zufrieden ist, wird es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Im besten Fall wird kein Fork nötig und wir als HändlerInnen und DienstleisterInnen wissen, wie wir in der voraussehbaren Zukunft planen können.

2 Antworten

  1. Hallo Christian,
    vielen Dank auch dir – für das Lob und deine vielen Beiträge zur Community!

    Best Grüße
    Matthias

  2. Hallo Matthias,

    danke für die tolle Zusammenfassung der Quellen.
    Dein Blog ist auch eine tolle Community-Arbeit.
    Vielen Danke dafür.

    Gruß Christian

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